Wenn es still wird in Rattenberg
Knisterndes Holz, Lebkuchen und Chöre: Jedes Jahr feiert das Städtchen Rattenberg einen „stillen Advent“. Dieser ganz besondere Weihnachtsmarkt verzichtet auf künstliches Licht und Glühwein-Buden.
Im Sommer bringt sie der Fluss von allein nach Rattenberg. Dann radeln oder spazieren viele Ausflügler am Inn entlang und suchen einen schattigen Platz in den Cafés zwischen den alten Gemäuern. Oder sie besuchen die Schlossbergspiele und genießen klassische Konzerte im mittelalterlichen Ambiente der Stadt. Früher, als Autos und Laster noch durch den Ort ratterten, machten noch einige im Winter Halt, um sich auf ihrer Durchreise eine Pause zu gönnen. Doch mit der neuen Umgehungsstraße blieben nicht nur Abgase und Lärm aus Rattenberg fern, sondern auch die Besucher. Es wurde still in Rattenberg, der kleinsten Stadt Österreichs mit 440 Einwohnern.
Eigentlich ist es im Winter immer noch still in Rattenberg, doch nun in einer anderen Form. Es ist eine besinnliche Stille, die der Ort an jedem Samstag im Advent mit hunderten von Besuchern feiert.
„Wir wollten keinen Weihnachtsmarkt mit Glühwein und Würstchenbuden, aber es musste etwas geschehen“, sagt Friedrich Hacker, einer der Initiatoren. Also engagierten die Rattenberger den Direktor des Innsbrucker Stadttheaters, Anders Linder, als künstlerischen Leiter und ließen ihn den stillen Advent kreieren.
Festtagsstimmung bei Kerzenschein
„Das Schwierigste ist, alle unter einen Hut zu bringen“, sagt Anders Linder. Der große Mann trägt einen dunklen Hirtenmantel aus Jankerstoff. Dieser Umhang ist ein kleiner Teil der großen Inszenierung. Jeder, der an den Feierlichkeiten beteiligt ist, trägt ihn. Die Volksschüler und Kindergartenkinder, die stolz ihre Lieder und Theaterstücke auf der großen hölzernen Bühne präsentieren. Die Hornbläser, die besinnliche Weisen spielen, der Gesangverein, die Märchenerzählerin, die auf einem Holzscheit sitzt und dutzende Kinder mit Geschichten in ihren Bann zieht. Und natürlich die vielen Helfer, die den Rattenberger Adventwein mit Holundergeschmack, mit Käse gefüllte Zillertaler Krapfen, Maronen und Lebkuchen verkaufen.
Ihre Buden sind aus Holz, mit Zweigen und Jute dekoriert. Keine Spur von Pappbechern oder -tellern. Speisen und Getränke werden auf Holzbrettern und in Gläsern serviert. Der Wein wird in gusseisernen Kesseln auf offenem Feuer erwärmt. „Wir wollen keine Amerikanismen und kein künstliches Licht“, sagt Linder. „Daran muss sich jeder halten.“ Es gibt Checklisten, auf denen stehen die „verbotenen Dinge“ – darunter blinkende Weihnachtsbäume oder bunte Sterne in den Fenstern.
Und so ertönt in den Gassen statt Jingle-Bells-Gedudel die Musik der Künstler, die auf der Bühne stehen. Überall knistert brennendes Holz. Um die offenen Feuerstellen stehen Menschen zusammen, wärmen ihre Hände und unterhalten sich. Der Duft von Maronen zieht durch die Luft. Auf jedem Fensterbrett brennt eine weiße Kerze. An einer Wegkreuzung werden Gedichte vorgetragen und dazu Bilder an eine Hauswand projiziert. Zwei Pantomimen ziehen durch die Straßen und unterhalten die Besucher. In einigen Gassen sind Labyrinthe aus kleinen Lichtern aufgestellt, die die alten Gemäuer in einen warmen, angenehmen Schein tauchen. Kinder rennen um diese Kerzenlabyrinte herum.
Kinder ziehen mit Maria und Josef durch das Dorf
Doch wenn Maria und Josef mit ihrem Esel durch die Straßen ziehen, wird es mucksmäuschen still in Rattenberg. Gespannt lauschen alle der Weihnachtsgeschichte, Kinderaugen starren auf die Schauspieler und ein großer Tross von Bewunderern zieht mit Maria und Josef von Haus zu Haus. Wo das Paar Halt macht, knallen Fensterläden zu, jagen verärgerte Bürger die beiden davon, bis sie endlich in einem Stall eine Herberge finden.
Die gespielte Weihnachtsgeschichte ist eine der vielen, kleinen Traditionen, die es seit zehn Jahren im Rattenberger Advent gibt. Immer wieder gebe es auch die Sehnsucht nach dem schnellen Geld – etwa mit Würstchenbuden oder Weihnachtskitsch. Dann muss Anders Linder erneut Überzeugungsarbeit leisten. „Die Stille muss immer wieder neu erkämpft werden“, sagt er.
Daran müssen sich auch die Künstler halten, die auf der Bühne stehen – mal Opernsänger und mal Interpreten aus der Rock- und Popszene. Einzige Vorgaben, die Linder ihnen gibt: zurück zur Tradition und „still“ muss es sein. „Ich möchte die Menschen wieder ins Staunen bringen“, sagt er.
Dieses Ziel wird er spätestens erreicht haben, wenn das traditionelle Ende des Rattenberger Advents beginnt: Auf einer Schaukel zwischen den Fassaden sitzt ein „Engel“ im weißen Loden und singt Franz Schuberts „Ave Maria“. Durch die Menge tanzt ein weiß gekleideter „Mohr“ auf Stelzen und lässt Glitzer auf die Menschen niederregnen. Spätestens dann verstummen die letzten Gespräche, faziniert schauen die Menschen zum „Engel“ hinauf, einige Augen sind zu Tränen gerührt – und es ist wieder still in Rattenberg.
Von Birgit Gehrmann

