Südtirol: Das deutsche Italien
Etwas platt könnte man Südtirol vielleicht als Italien-light bezeichnen. Die Vorzüge italienischer Kultur und Lebensfreude im deutschsprachigen Gewand – endlich mediterraner Urlaub ohne Sprachbarriere!
Was auf den Touristen wie ein Segen wirken mag, barg für die Südtiroler jedoch lange Zeit große Probleme. Große Identitäts- und Zugehörigkeitskonflikte führten zu zahlreichen Protestaktionen unterschiedlicher Schärfe. 1972 erlangte die Provinz Trentino-Südtirol dann aber endlich den Autonomiestatus und steht seither für beispielhaften Schutz seiner multikulturellen Gesellschaft. Hier wird „ethnischer Proporz“ gepflegt, also die Gleichberechtigung der deutschen, italienischen und ladinischen Bevölkerungsgruppen. Konflikte gibt es kaum mehr – dafür aber hohe Subventionen, die die Südtiroler zur reichsten Minderheit Europas machen.
Urlauber interessiert aber natürlich vor allem die Gegenwart Südtirols. Und die erleben sie multikulturell, wohlhabend und elegant, aber auch bescheiden und traditionsbewusst, mit viel Sinn für Natur, Gastfreundschaft, gastronomische Köstlichkeiten und überhaupt: Lebensfreude.
Der Brenner – wer kennt ihn nicht?
Die Ferien in Südtirol beginnen üblicherweise mit einer Fahrt über den allseits bekannten Brennerpass, über den jedes Jahr unzählige Urlauber nach Italien strömen. Manch einer sieht in diesem Streckenabschnitt vielleicht eine Bewährungsprobe, weil er trostlos und wolkenverhangen daherkommen kann. Doch wer frei nach dem Motto „Das Ziel ist das Ziel“ einfach weiterfährt, der wird bei der Ankunft mit der paradiesischen Landschaft Südtirols gleich doppelt und dreifach entlohnt. Denn wie kaum ein anderer Ort auf der Welt ist Südtirol in der Lage, so viele Urlaubswünsche auf einmal zu erfüllen: schneereich alpin auf den Gipfeln, bewaldet und grün im Gebirge, sonnenreich bis gar mediterran in den Tälern und quirlig in den Städten.
Das Leben der Südtiroler spielt sich vor allem in den Haupttälern Eisacktal, Etschtal und Pustertal, sowie in den größeren Nebentälern wie dem Ultental, Sarntal, Passeier und Ahrntal ab.
Der Berg ruft!
Auf die Frage, welche Aktivitäten sich in Südtirol anbieten, gibt es zu jeder Jahreszeit vor allem eine Antwort: Ab in die Berge!
Im Winter kann das Land sich mit ganzen achtundzwanzig Skirevieren brüsten, die sich teilweise zu Verbundsystemen zusammengeschlossen haben. So gilt zum Beispiel der Skipass Dolomiti Superski für zehn spannende Skigebiete. Damit hat man Zugang zu insgesamt 1220 km Abfahrt – eine Strecke die kein Mensch in einem einzigen Urlaub schafft!
Die Dolomiten faszinieren aber nicht nur Skifahrer, sondern auch alle anderen Naturliebhaber: „Die neun Teilgebiete des Welterbes Dolomiten bilden eine Serie einzigartiger Gebirgslandschaften von außergewöhnlicher Schönheit. … Die erhabenen, monumentalen und farbenreichen Landschaften der Dolomiten haben seit jeher eine Vielzahl an Reisenden fasziniert und waren die Quelle zahlreicher wissenschaftlicher und künstlerischer Interpretationen“ heißt es in der Erklärung des UNESCO-Welterbe Komitees, das die Dolomiten im Jahre 2009 mit der Auszeichnung bedachte. Im Sommer kann man sich bei Wanderungen ein eigenes Bild von diesem Schauspiel machen. Auch die umliegenden Gebirge locken mit Angeboten. Von leichten Spaziergängen bis zu schwierigen Klettereien, von Tagestouren bis mehrtägigen Höhenwanderungen – hier kommt jeder Bewegungsfreudige auf seine Kosten. Fünfzehn Alpinschulen bieten geführte Gipfelbesteigungen und Hochtouren sowie mehrtägige Exkursionen an.
Ketschnweg
Ein besonders schöner Wanderweg ist der Keschtnweg (Keschtn ist auf „Südtirolerisch“ Kastanien): Von Vahrn bei Brixen bis zum Ritten oberhalb von Bozen mit der Bilderbuchburg Runkelstein zieht sich ein einziges Band von Esskastanienhainen. Es ist ein Weg, den Ältere und auch Kinder problemlos erwandern können und er bietet viel: Kunst- und Naturdenkmäler zeugen von einer jahrhundertealten Kultur, sagenumwobene Orte erzählen von Hexen, Feen und Geistern. Und überall kann man eine Törggele-Pause machen. Törggelen bezeichnet den Südtiroler Brauch, in geselliger Runde, meist in einer Buschenschänke im Herbst, eine Mahlzeit – auch Marende oder Jause genannt – einzunehmen. Dazu gehören süßer Most, gebratene Maronen und der Südtiroler Speck – ein Schinken, der ausschließlich aus mageren, vollfleischigen Schweineschlegeln hergestellt wird und rund zweiundzwanzig Wochen gereift ist.
Milchfest auf der Fane-Alm
Auch toll ist eine Wanderung zur Fane-Alm. Dort findet alle zwei Jahre in 1780 Metern Höhe ein Fest für die Bergbauernfamilien statt, das mit einem Gottesdienst im Freien beginnt und wo die alten Männer noch ihre traditionellen blauen Schürzen tragen. Wer eine Stunde von Vals im Eisacktal auf einfachen Wanderwegen und durch üppige Alpenblumenwiesen wandert (für Lauffaule gibt es einen Shuttle-Service) – kann feststellen, dass es nicht nur eine Milchstraße im Weltall gibt, sondern auch in Südtirol. Auf einem Parcours dreht sich alles um die Milch und Städter lernen so einiges über artgerechte Tierhaltung in den Bergen und Milchgewinnung.
Wo der Ötzi herkommt – Bozen
Im Bozener Land kann man sich bei seiner Wanderung dann in erfahrene Hände begeben. In der stattlichen Burgruine des Schlosses Sigmundskron oberhalb von Bozen hat Reinhold Messner sein viertes Museum eröffnet – das MMM (Messner Mountain Museum) Firmian. Messner hat sich mit diesem Museum einen Traum verwirklicht. Nach dem tibetischen Vorbild der Kora, einer Umrundung eines heiligen Berges, führt er die Besucher um seinen persönlichen heiligen Berg und zeigt, was der Berg mit den Menschen macht. Der Blick in die Gebirgswälder hinter dem Etschtal, auf die Texelgruppe, die Ötztaler Alpen bis zum rot glühenden Felsmassiv des Rosengartens in den Dolomiten ist dabei mehr als atemberaubend.
Doch nicht nur zum Wandern lädt Südtirol ein, auch Kulturliebhaber finden hier große Freuden. Bozen, die Haupstadt Südtirols, ist das dynamische Zentrum des Landes. An drei Seiten von hohen Bergen umgeben, öffnet sich das Etschtal nur Richtung Süden und kann entsprechend mit einem mediterranen Klima aufwarten. In den Sommermonaten Juli und August macht Bozen mit seinen Temperaturen sogar süditalienischen Städten Konkurrenz. Wen wundert es da, dass Bozen die italienischste Stadt Südtirols ist, mit über siebzig Prozent italienischsprachigen Bewohnern. Zu Zeiten des faschistischen Italiens war hier der architektonische Imponierplatz des Regimes. Das merkt man der Architektur des Städtchens an: Pompös und funktional lautet die Devise, die Bürgerhäuser sind stattlich, die Plätze malerisch, die Geschäfte erlesen. Für die Einkaufsarkaden, die sogenannten Lauben, ist Bozen weit bekannt. Auch mit dem breiten Angebot des Obstmarktes hat sich die Stadt einen Namen gemacht und wurde hierfür gar von Goethe gerühmt. Außerdem beherbergt das „Südtiroler Archäologischen Museum“ den wohl berühmtesten Bergsteiger der Welt, den Ötzi.
Kaiserlich und königlich
Auch weitere Städte lohnen eine gemütliche und ausführliche Besichtigung. Die Stadt Meran beispielsweise hat sich als Kurstadt einen Namen gemacht. Ihre reine, heilende Luft und das milde, mediterrane Klima helfen vor allem bei Gelenks- und Kreislauferkrankungen. Schon Kaiserin Sissi machte sich diese Vorzüge für ihre Tochter Marie Valerie zu nutzen. Dadurch erlangte Meran weltbekannten Ruhm und Zuwendung, was sich an den prunk- und glanzvollen Bauwerken zu erkennen ist. Meran besticht wie Bozen durch seine wundervolle Laubengasse, aber auch durch seine schönen Kaffeehäuser und die herrlichen Promenaden, eine schattige für den Sommer und eine sonnenverwöhnte für den Winter.
Papst Benedikt XVI war auch schon hier!
Erwähnenswert ist darüber hinaus Brixen, die drittgrößte Stadt Südtirols. Ihre lange Vergangenheit ist besonders an dem pompösen Dom zu erahnen, der stolz aus dem sonst recht verwinkelten Stadtkern herausragt. Selbst Papst Benedikt XVI verbrachte hier schon seinen Urlaub. Doch nicht nur kulturell, auch für den Naturliebhaber hat Brixen mit seinem Hausberg Plose einiges zu bieten. An den unteren Hängen gedeihen Weinreben und Obstbäume dank des milden Klimas prächtig, die höhergelegenen Wander- und Fahrradwege laden zu Touren ein, im Winter kann man sich in den Gipfeln und einem tollen Skigebiet austoben. Ganz besonders abwechslungsreich ist Brixen im Frühjahr, wenn man sich nach einem Skitag in den Bergen bei sommerlichen Temperaturen in kurzer Hose und T-Shirt im Tal sonnen kann.
Kulinarische Freuden
Nach all den Aktivitäten darf aber nicht der italienische Müßiggang zu kurz kommen. Am allerbesten geht man dem doch bei einem schönen Glas Wein nach. Südtirol ist berühmt für seine Weine. So kann man auf der sogenannten Südtiroler Weinstraße einerseits das herrliche Panorama der Obsthänge, aber auch die vielen köstlichen Tropfen genießen: z.B. den nach Quitten- und Apfelaroma schmeckenden Sauvignon und den – typisch für Südtirol – nach Veilchen und Marzipan schmeckenden Edelvernatsch.
Überhaupt erfreut sich das Land in besonderer Weise an seinen Spezialitäten. In Brixen findet so jedes Jahr ein Brot- und Strudelmarkt statt. Hier sind Brot-Backvorführungen handgefertigter Brote der typischen Brotsorten, Spinattirtln, Schwarzplentener Riebln und Pusterer Krapfn zu kosten. In Villnöß in St. Magdalena wird das wohl typischste Südtiroler Produkt gefeiert, der Südtiroler Speck. Nach der Krönung einer Speckkönigin werden alle Gäste von der Majestät zum Feiern eingeladen und es darf bei viel Musik probiert werden. Freude am Essen haben die Südtiroler also allemal. Durchaus nachvollziehbar, denn wir wissen ja alle, wie hervorragend eine deftige Mahlzeit nach einem erfüllten Tag an der frischen Luft schmeckt.
